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Schrecklich normal Hochbegabt. Die meisten denken bei diesem Wort an Vorzugsschüler, Eliteschulen, Diplome, Bewunderung der Mitschüler, ... Ich denke dabei an Intoleranz, Ausgrenzung, Spott, Einsamkeit, Depressionen, ... Und ich weiß, was ich hier schreibe. Ich bin nämlich selber hochbegabt. Von Amy (12 Jahre), Name geändert. "Warum bin ich nicht normal?" - Millionen Male habe ich mir diese Frage gestellt. Millionen Male habe ich darauf keine Antwort gefunden. Millionen Male haben sich andere Kinder und Jugendliche diese Frage gestellt. Millionen Male haben auch sie keine Antwort gefunden. Aber was heißt schon normal??? Normal ist ein relativer Begriff, so wie viele andere auch. Manche sind zu dick, manche sind zu klein, manche sind zu dunkel im Gesicht, manche haben zu viele Sommersprossen - und manche sind zu intelligent. Hochbegabt. Hochbegabt. Die meisten denken bei diesem Wort an Vorzugsschüler, Eliteschulen, Diplome, Bewunderung der Mitschüler, ... Ich denke dabei an Intoleranz, Ausgrenzung, Spott, Einsamkeit, Depressionen, ... Und ich weiß, was ich hier schreibe. Ich bin nämlich selber hochbegabt. 3-5% der Kinder eines Geburtenjahrganges sind als hoch- oder höchstbegabt einzustufen. Diese Kinder können viel Information in einem kurzen Zeitraum "aufsaugen", haben ein gutes Gedächtnis und hinterfragen viel. Wir erfassen logische Zusammenhänge schnell und können diese auch anwenden. Außerdem wollen wir unsere sozialen und kreativen Interessen verwirklichen, durchschauen soziale, zwischenmenschliche Beziehungen rasch und lassen uns nicht gern mit unklar dahergeredeten Antworten abtun. Gern vertiefen wir uns in Dinge, Routinearbeiten langweilen. Die meisten beginnen schon früh zu sprechen und verwenden selten Babysprache. Es kommt oft vor, dass hochbegabte Kleinkinder sich selbst das Lesen und Schreiben beibringen. Außerdem haben wir schon früh einen "erwachsenen" Sinn für Humor. Doch abnormal, das sind wir deswegen nicht. Wir sind weder Aliens, noch sind wir Computerhirne oder Mini-Einsteins. Wir sind genauso gut menschliche Wesen mit Gefühlen, Gedanken, Eigenheiten, Wir haben genauso gut "normale" Hobbys wie Klavierspielen, Lesen, Musikhören, Sport, Wir sind nicht anders als andere gleichaltrige Kinder, außer dass wir eben "zu" intelligent sind. Es gibt einseitige und vielseitige Begabungen. Die einseitig Begabten, das sind die Sportler, Musiker, Künstler oder "Computerhirne" unter uns. Die vielseitig oder universell Begabten sind auf vielen Gebieten gut. Auf vielen Gebieten gut sein heißt allerdings nicht immer "gute Noten schreiben", sondern eher "schnell verstehen". Sportler wie Hermann Maier oder Michael Schumacher sind einseitig hoch- bzw. höchstbegabt. Doch werden sie ausgegrenzt und beschimpft? Nein! Doch wir vielseitig Hochbegabten werden schnell zu Außenseitern. Manche von uns wirken unnahbar oder arrogant. Es ist meist eine Schutzfassade gegen Beleidigungen. Streber ist noch das Mindeste, das wir zu hören bekommen. Auch wenn man nach draußen hin "cool" und ausgeglichen wirkt, im Inneren sieht es meist ganz anders aus. Es gab Schultage, an denen ich mir ständig vorsagen musste: "Jetzt nur nicht weinen, Amy!" Man will nicht schwach sein, sich keine Blöße geben. Sonst wird man nur noch mehr verspottet. Dafür wird das Kissen nachts arg in Mitleidenschaft gezogen ... Doch noch schlimmer als Spott ist die vollkommene Ignoranz der Klasse, auch der engsten Freunde. Man hat so ein "Ich allein gegen den Rest der Welt" Gefühl. Mit der Zeit entwickelt sich eine unnahbare Fassade und ein deprimiertes, depressives Inneres. Ich habe diese zwei Personen in mir benannt: Amy und Joey. Joey ist die coole Dreizehnjährige, die vollkommen gleichgültig wirkt, mit Bekannten Eis essen oder ins Kino geht, ewig lang telefoniert und fernsehen schaut. Amy ist eine Art Genie, allerdings ein einsames Genie. Eines, das oft tagelang mit niemandem außerhalb der eigenen Familie spricht. Eines, das am liebsten stundenlang durch die Wälder wandert. Eines, das manchmal nur Englisch spricht. Eines, das nachts die Kissen vollheult. So, und jetzt weine ich auch schon. Tränen laufen über meine Wangen, während ich hier sitze und tippe. Wenn mich jemand fragt, was mir am meisten abgeht, dann sage ich so gut wie immer: "Freunde!" Es ist eine verzwickte Situation. Die meisten "Freunde", die ich habe, sind Töchter von Bekannten meiner Mutter. Meist sind sie jünger als ich und haben völlig andere Interessensgebiete. Mit diesen Mädchen kann man zwar an einem Wochenende gemütlich Eis essen oder ins Kino gehen, doch über ernstere Themen wie zum Beispiel über den Holocaust oder das AKW Temelin lässt sich mit ihnen nicht diskutieren. Meist ist ihre einzige Sorge, wer eben mit wem "geht", ob Britney Spears Silikonimplantate hat oder ob Chris aus "Taxi Orange" so süß aussieht wie Leonardo DiCaprio oder nicht ... Ich würde nicht sagen, dass ich noch nie richtige Freunde gehabt habe. Letztes Jahr gab es in meiner Klasse ein sehr nettes Mädchen, das ebenfalls von den anderen sehr geschnitten wurde. In der Schule saßen wir nebeneinander und freundeten uns an. Doch im Sommer wurde ihr Vater, der ein hohes Tier der deutschen Diplomatie ist, versetzt und die Familie zog nach England (!). Jetzt schreiben wir uns regelmäßig, und ich kann ihr noch immer alles anvertrauen. Das tut mir wirklich gut, mir einfach einmal von der Seele schreiben. Madeleine (Name geändert) ist in ihrer neuen Schule ebenfalls nicht sehr beliebt und so sehen unsere Briefe eher aus wie solche in der Kummerecke von Zeitschriften. Mit meiner Kusine verstehe ich mich seit neuestem auch gut. Vor allem ist sie schon so erwachsen, dass man mit ihr normal reden kann. Nur manchmal wird sie etwas überheblich, weil sie schon fünfzehn ist und ich erst zwölf. Und wenn das Gespräch auf Schulprobleme kommt, meint sie oft: "Ja, aber DU weißt ja nicht, wie das ist." Ich glaube, dass es hilfreich ist, wenn man sich schon seit längerer Zeit kennt. Für meine Kusine ist es selbstverständlich, dass ich nicht in eine "normale" Schule gehe. Ja, ich gehe nicht in eine normale Schule. Hausunterricht nennt sich das. Mein einziger Mitschüler ist mein kleiner Bruder. Mathematik, Physik, Chemie und Deutsch werden von zwei "richtigen" Lehrerinnen unterrichtet, je drei Stunden die Woche sind sie da. Für Englisch und Französisch fahren wir in eine BERLITZ - Sprachschule nach Wien, zwei Mal die Woche. Dazwischen heißt es natürlich üben, üben, üben. Alle anderen Fächer unterrichtet meine Mutter. Am Ende des "Schul"jahres müssen meist sehr strapaziöse Externistenprüfungen über alle (!) Fächer abgelegt werden. Ich weiß auch nicht, warum meine Eltern den Hausunterricht auf sich genommen haben. Ich kannte "Schule" nur aus Büchern und Erzählungen. Nach der Kindergartenzeit in einer Internationalen Schule kamen mein Bruder und ich nicht "in die Schule" sondern "nach Hause". Das letzte Schuljahr habe ich in einer Schule verbracht, doch seit September werde ich wieder zu Hause unterrichtet. In der Schule bin ich auf so viel Intoleranz, Diskriminierung und Vorurteile gestoßen, sodass ich lieber wieder gegangen bin. Doch Hausunterricht ist teuer, alle Kosten (für Schulbücher, Hauslehrer, etc.) müssen von den Eltern getragen werden. Also ist es nicht sicher, wie lang wir es uns noch leisten werden können. Eine andere Möglichkeit ist es, eine Klasse zu überspringen. Dazu muss man zwei Schuljahre in einem Jahr absolvieren. Am Ende stehen wieder strapaziöse Prüfungen an. Ich habe es einmal gemacht und denke schon daran ein zweites Mal zu "hupfen", weil der Stoff noch immer sterbenslangweilig ist. Einige meiner Bekannten haben ebenfalls einmal übersprungen, und ich habe viele gute Rückmeldungen zu diesem Thema erhalten. Was mir am meisten zu schaffen macht, ist die Intoleranz. Man versucht nicht einmal, mich näher kennen zulernen und mich dann zu beurteilen, nein, ich werde gleich mit dem Stempel "Die ist un-normal" versehen und aufs Abstellgleis geschoben. Ich habe schon x Spottnamen gehört, "Streber" war, wie gesagt, das Mindeste. Allerdings gab es auch ein paar ganz tolle Reaktionen. "Hey, cool!", erwiderte zum Beispiel ein guter Bekannter vor ein paar Jahren, als ich ihm von dem Hausunterricht erzählte. Immer und immer wieder rufe ich mir diese zwei simplen Worte ins Gedächtnis. Sie geben mir irgendwie die Sicherheit, dass nicht die ganze Welt gegen mich ist. Beruhigend. Ich möchte allerdings nicht sagen, dass es nur eine negative Seite der Hochbegabung gibt. Mir macht es zum Beispiel großen Spaß, fließend Englisch sprechen zu können, und ich lache mich immer halbtot, wenn man mich für eine Amerikanerin hält. Woran ich mich auch gerne zurückerinnere, sind die Festessen im Restaurant nach den Jahresprüfungen. Auch der Hausunterricht macht mir viel Spaß, denn man muss sich nicht an einen fixen, starren Stundenplan halten. Oft genug fahren wir mitten in der Woche fort, legen "hausautonome Tage" ein, wo immer wir sie brauchen können, und machen ganze Vormittage blau. Was ich auch gut finde, sind unsere Privatlehrer, denn sie sind wirklich nett. Vor allem kann man oft sehr witzige Projekte in den Unterricht miteinbeziehen. Man kann den Unterricht bis zu einem gewissen Grad selbst gestalten. Außerdem gibt es keine Hausübungen, also hat man mehr Zeit für Freizeit. Was ich mir wünsche, ist mehr Toleranz gegenüber Begabungen und Begabten. Allerdings darf nicht nur darüber gesprochen werden, sondern Toleranz muss auch aktiv durchgesetzt werden. Ich selbst setze mich sehr dafür ein. Im August werde ich auf ein Internationales Youth Summit (Jugendcamp) des World Council for Gifted and Talented Children, der Internationalen Vereinigung für Hochbegabte und Talentierte Kinder, nach Barcelona fahren, um dort mehr über die Situation in anderen Ländern zu erfahren. Seit längerer Zeit versuche ich schon eine Art Jugendgruppe für (hoch-)begabte Kinder und Jugendliche auf die Beine zu stellen. Außerdem will ich eine kurze Broschüre über Hochbegabung für Jugendliche schreiben, vor allem für die "Aufklärungsarbeit" an Schulen. Meine Mathematiklehrerin und ich wollen außerdem eine Homepage (nicht nur) für Hochbegabte einrichten. Dieser Plan ist allerdings zurzeit nur ein Rohkonzept. Der Österreichische Verein für hochbegabte Kinder möchte weitere Gesetzesänderungen durchdrücken und setzt sich mit ebenso viel Engagement wie ich für hochbegabte Kinder und Jugendliche ein. Als nächstes Ziel wird eine Beratungsstelle für betroffene Eltern, Lehrer und Kinder angestrebt. Man darf also hoffen, dass sich die Situation verbessert. Ich weiß, dass es nicht von heut' auf morgen geschehen kann. Es wird sicher ein langwieriger Prozess, doch ich hoffe, dass dieser Artikel einen kleinen Denkanstoß gegeben hat. Über
Zuschriften freue ich mich natürlich:
* Amy ist 12 Jahre alt. Ihr Name wurde auf ihren Wunsch hin geändert. © Amy 2001.
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| www.sacre-coeur.org | 11. 04. 2001 |