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Paul Schörghofer
(8B)
VON MENSCHEN UND
PFLANZEN
Rede,
gehalten am 26. Februar 2000 im Rahmen des Redewettbewerbs des Gymnasiums
Sacré Coeur Pressbaum sowie am 17. März 2000 in der HTL St.
Pölten beim Redewettbewerb des Jugendreferats der niederösterreichischen
Landesregierung 2000 (Vorausscheidung).
Sehr geehrte Zuhörerinnen! Sehr geehrte Zuhörer!
Internet, E-Mails,
Handy, Globalisierung, Gentechnik, Satelliten, Konzernfusionen, Sondierungsgespräche,
Rechtsruck ... Gerade in unserer immer schnelllebiger und komplexer
werdenden Zeit ist es wichtig, sich auch mit den kleinen, alltäglichen
Dingen des Lebens zu beschäftigen. Also hab ich mir gedacht:
Warum nicht über
Pflanzen reden?
Der Philosoph Peter
Sloterdijk sagt in seinem Buch Im selben Boot. Versuch über die
Hyperpolitik:
Wenn Platon
das Können des Politikers als Hirtenkunst in Bezug auf zweibeinige
ungefiederte Herdentiere definierte, dann wird deutlich, wie agrar-ontologische
Motive bis in die Grundbestimmung des Wesens von Herrschaft in Städten
vordrangen Pflanzenwachstum und Tierzucht sind die Anschauungsreservoirs,
aus denen politologische Reden ihre Plausibilität ziehen müssen.
Damit weist er darauf
hin, dass die Grundthesen der modernen Philosophie und Politikwissenschaft
bereits in einer frühen Agrargesellschaft formuliert wurden. Dabei
verwendete man Anschauungsbeispiele aus dem bäuerlichen Leben. Was
damals galt, ist auch heute in der postmodernen Informationsgesellschaft
noch legitim.
Steigen wir mit einer
Frage in dieses Thema ein: Wer von uns hat noch nie eine fremde, ihm unbekannte
Blume gepflückt, zertreten oder geknickt?
Oder eine andere
Frage: Wem von uns gefällt kein englischer Rasen?
Österreich hat
einen Ausländeranteil von 9,2%. 1998 betrug die Zahl der Asylbewerber
13.805 Personen. Nur 500 von ihnen wurden anerkannt. Im Jahr davor waren
es noch 639.
Es gibt nämlich
verschiedene Arten von Gärten: wilde Gärten, Rosengärten,
Kräutergärten und viele mehr. Die Gartenkultur ist so alt wie
die Kultur der zivilisierten Menschheit. Gärten sind wie Staaten
künstlich geschaffene Lebensräume. Umgeben sind sie von Grenzen,
Gartenumzäunungen. Gartenumzäunungen können verschieden
hoch sein, verschieden breit, es gibt natürliche Zäune, aber
auch Steinmauern, mit Zacken und Spitzen. Jeder Gärtner hat ganz
bestimmte Vorstellungen von seinem idealen Garten. Es gibt Gärten
mit einer Vielzahl von verschiedenen Blumen und Pflanzen. Heimische, fremde
und exotische Blumenarten, Sträucher und Gräser, farbenprächtige
und schlichte, große und kleine Pflanzen teilen sich einen Lebensraum.
Dann gibt es Gärten, deren Gras auf eine Einheitsgröße
abgemäht wurde. Nur bestimmte Pflanzen dürfen hier gedeihen.
Sobald eine neue, fremde Pflanze zu wachsen beginnt, nennt man sie Unkraut,
man bekämpft sie mit Unkrautvertilgungsmittel und reißt sie
aus.
Eine Frage bleibt
immer: Wie viel überlässt der Gärtner der Laune der Natur
und wo greift er gestaltend ein?
Am 27. 11. 1998 verabschiedet
das Parlament eine Novelle zum Asylgesetz, in dem alle Nachbarländer
Österreichs zu sicheren Drittländern erklärt werden. Damit
können faktisch alle Asylbewerber, die auf dem Landweg nach Österreich
kommen, wieder über die Grenze abgeschoben werden, ohne dass eine
Einzelfallprüfung vorgenommen werden muss.
Oft befürchtet
der Gärtner, dass fremde Pflanzen die ausgewählten Pflanzen
in ihrer Entwicklung stören, ihnen die Nährstoffe wegnehmen
und ihnen schaden.
Am 1.1.1999 tritt
ein neues Staatsbürgerschaftsrecht in Kraft, das die Voraussetzung
für die Einbürgerung vereinheitlicht und verschärft. Sie
soll künftig nur noch erfolgen, wenn sich der Bewerber erfolgreich
in die österreichische Gesellschaft integriert und Deutschkenntnisse
nachgewiesen hat.
Ziel kann es aber
nicht sein,
- einen Garten zu
schaffen, in dem eine Pflanze im Schatten der anderen steht und verkümmert;
- einen Garten,
in dem überzüchtete Pflanzen einer einzigen Gattung vorherrschend
sind, sich eine Monokultur der Gartenarchitektur etabliert hat:
- einen Garten,
in dem nur der massive Einsatz hochgiftiger Pestizide den gewünschten
unkrautfreien Rasen ermöglicht, der dann aber nur dem letzten sterbenden
Schmetterling zum Grabe wird.
Gartenästhetik
lebt immer von Vielfalt. Wo Vielfalt ist, ist Spannung, Gegensatz, Bewegung,
... - Leben!
Gärten leben
aber nicht nur von ihrer eigenen inneren Vielfalt. Gärten und ihre
Architektur prägen ihre Umgebung, definieren sie neu und werden andererseits
durch die Umgebung geprägt und neu definiert.
Die Landschaftsarchitektin
Cornelia Müller gestaltet mit ihrem Team das Gelände des Reichstags
in Berlin. Sie sagt in einem Interview: Wir erzählen mit den
Mitteln der Landschaftsarchitektur Geschichte."
Peter Latz, Deutschlands
berühmtester Landschaftsarchitekt hat es sich zur Aufgabe gemacht,
alte Industrieruinen als Gärten der Natur zurückzugeben. Er
meint: Unser Naturverständnis ist veraltet, weil wir ästhetische
Gebilde schützen, die mit dem Begriff Natur wenig zu tun haben
englische Gärten, idyllische Landschaften, hier und da Biotope, das
ist ein romantisch verklärtes Naturverständnis."
Der englische Pflanzenguru
Mark Brown kreiert Gräsermeere. Ihn spricht die Vielfalt der Pflanzen,
Blumen und Gräser an.
Gartenkunst ist die
Kunst, Unterschiedliches zu einem ästhetischen und harmonischen Ganzen
zusammenzufügen. Sie lebt von andauerndem Wachstum. Verbunden mit
den Zyklen der Natur und der Jahreszeiten verändert ein Garten permanent
sein Gesicht und seine Gestalt.
Der Garten ist ein
von Menschenhand geschaffener Versuch der Darstellung der Schöpfung.
Auch die Menschen sind Teil der Schöpfung. - Alle Menschen.
"Auch wir gehören
mit denen zusammen, mit denen wir nicht zusammengehören."
Erstes und
letztes Zitat: Peter Sloterdijk: Im selben Boot. Versuch über die
Hyperpolitik.- Frankfurt/Main: Suhrkamp 1993. S.37 bzw. Klappentext.
Zitate der Gärtner: Vgl. Architektur und Wohnen. Jahrgang 99. Heft
4, 5, 6.
Zur Asylpolitik vgl. Fischer Weltalmanach 2000.
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