Sacré Coeur Pressbaum M a g a z i n

Anton Geist (8B)

MEINE ZUKUNFT IST NOCH SO WEIT WEG

Rede, gehalten am 20. Februar 1999 im Rahmen des Redewettbewerbs des Gymnasiums Sacré Coeur Pressbaum sowie am 18. März 1999 in der HTL St. Pölten beim Redewettbewerb des Jugendreferats der niederösterreichischen Landesregierung 1999 (Vorausscheidung).


Sehr geehrte Zuhörer!
Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler!


Entscheidungen fallen niemandem leicht.

Wir alle befinden uns tagtäglich in unzähligen Situationen, in denen wir über irgend etwas zu entscheiden haben. Meistens geht es nur um Kleinigkeiten, manchmal stellt eine getroffene Wahl jedoch die Weichen für unser gesamtes weiteres Leben. Gerade deswegen fällt es uns oft auch so schwer, uns eindeutig festzulegen.

Wer von uns hier weiß zum Beispiel schon genau, was er oder sie nach der Matura machen will?

Wir schieben Entscheidungen vor uns her und suchen nach Entschuldigungen, um sie noch nicht treffen zu müssen. Es ist modern geworden, sich nicht den Kopf über die - sowieso schlechte - Zukunft zu zerbrechen. Erstens scheint man selbst sowieso nichts mehr ändern zu können, und zweitens wird man dafür schon noch später Zeit haben.

Es wäre völlig falsch anzunehmen, dass es für dieses zunehmende Verdrängen der Zukunft keine guten Gründe gäbe. Tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Veränderungen finden in den letzten Jahren statt, die vor allem von uns jungen Menschen starke --Flexibilität,

Optimismus und oft blindes Vertrauen fordern: Wir sollen darauf vorbereitet sein, während unseres Lebens öfters den Arbeitsplatz zu wechseln, wir sollen zu "lebenslangem Lernen" bereit sein. Wir sollen sogar zu arbeiten beginnen ohne uns sicher sein zu können, ob für unsere Pension einmal noch genug Geld da sein wird.

Es ist daher absolut nicht verwunderlich, dass gerade in Wendezeiten wie diesen

Zukunftsängste und Zukunftsverdrängung besonders hoch im Kurs sind.

Die Situation am Arbeitsmarkt ist alles andere als rosig. Wer heute aufgrund der jetzigen Verhältnisse eine bestimmte Studienrichtung einschlägt, hat nach Abschluss des Studiums noch lange keinen sicheren Arbeitsplatz. Humorvolle Studenten antworten schon heute auf die Frage nach ihrem Berufsziel: "Taxifahrer". Bei der sogenannten "Shell-Jugendstudie" gaben fast 50% der befragten Jugendlichen Arbeitslosigkeit als ihre größte Sorge für die Zukunft an. Jeder fünfte ging so weit zu sagen, dass er oder sie ohne jegliche Perspektiven in die Zukunft blicken würde.

Nicht nur bei den heutzutage meist geschiedenen oder getrennt lebenden Eltern finden wir Jugendliche immer weniger Halt, auch sonst fehlt es an Rückendeckung: Politiker verbreiten laufend Unwahrheiten, Sportidole entwickeln Starallüren oder sind gedopt, kirchliche Würdenträger verstecken sich hinter Klostermauern.


Diese sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre lassen die Jugend ohne viel Hoffnung in die Zukunft blicken. Als Antwort scheren sich viele Jugendliche einfach nicht mehr darum, was nächste Woche, was in einem Monat, in einem Jahr geschieht.

Ein verständliches Verhalten? Ja, natürlich. Ein richtiges Verhalten? Meiner Meinung nach nicht.

Ob wir es wollen oder nicht, wir Jugendliche sind die Zukunft unseres Landes. Auch wenn es in Österreich im Vergleich zu den anderen Altersgruppen immer weniger Jugendliche gibt, sind es doch wir, die in einigen Jahren die Entscheidungsträger dieses Landes sein werden.

Unser politisches System baut auf mündigen Bürgern auf, die bereit sind, nach reiflichen Überlegungen Entscheidungen zu treffen, die zum Wohle der Gesellschaft sein sollen. Die Demokratie, die Freiheit, für die so viele Menschen lange kämpfen mußten, ist für uns nicht nur ein Recht, sondern auch eine Verantwortung.

Zu resignieren und eine "Mir-ist-alles-egal"-Einstellung zu übernehmen, die Entscheidungen anderen zu überlassen bedeutet nichts anderes als sich selbst jede Möglichkeit der Mitbestimmung zu nehmen. Wenn wir unser Leben nicht selbst lenken, wenn wir unsere Zukunft immer weiter aufschieben, wird sich jemand anders finden, der die Entscheidungen für uns trifft.

Wollen wir das? Wollen wir uns selbst entmündigen? Wir selbst kennen uns naturgemäß am besten und wissen daher auch mehr als jeder andere, wie unsere Zukunft aussehen soll. Es mag schon sein, dass es oft so aussieht, als könne man sowieso nichts beeinflussen, als wäre unser Weg in der Zukunft schon vorgegeben und unveränderlich. Selbst wenn das so wäre - was ich für völlig falsch halte - dürften wir trotzdem nicht aufhören zu versuchen, etwas zu verbessern. Sogar viele ältere Menschen, die ja normalerweise nur auf die "heutige Jugend" schimpfen, kritisieren, dass wir Jungen zu vieles einfach hinnehmen, dass wir zu wenig kritisieren.


Sehr geehrtes Publikum, liebe Mitschülerinnen und Mitschüler!

Machen wir uns nichts vor: Unsere Zukunft ist nicht weit weg, denn sie beginnt heute, hier und jetzt. Die Zukunft ist nichts anderes als eine Aneinanderreihung von unendlich vielen Jetzt-Zuständen, das sollte uns immer bewußt sein. Sobald wir etwas auf morgen verschieben, geht ein Stück unserer eigenen Zukunft verloren.

Ein alte chinesische Weisheit lautet: "Wenn der Wind stärker bläst, bauen die einen Mauern, die anderen Segelschiffe." Laßt uns keine Mauern bauen, sondern nutzen wir die schwierige Ausgangslage, um unsere Zukunft besser zu gestalten. Danke.

 


Zugehöriger Bericht: "The winner is: Chilly"
Zugehöriger Bericht: "Chilly wieder Zweiter!"